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Vendredi 19.06.2015 | 12:50
DOCH EINEN SCHMETTERLING HAB ICH HIER NICHT GESEHEN
Von Lilly Axster
Im Lycée Ermesinde in Mersch

PROLOG
Wir werden nicht behaupten
wir wären jene
Kinder und Jugendliche
die in Konzentrationslagern starben
oder Ghettos
oder die versuchten zu leben
dort.
Wir können die nicht sein
auch nicht im Spiel im Theater
weil
wir nicht hungern, weil
uns warm ist, wir
nicht krank sind
keine Flöhe haben und Wanzen und Läuse
nicht Skelette sind
oder fiebern
weil wir Haare haben
und Glauben
an irgendetwas
weil wir uns waschen können, bewegen
und lachen können
und wollen
weil wir nur wenige sind, nicht
Millionen und Millionen
und wir sprechen deutsch, nicht
ungarisch oder polnisch, russisch oder jiddisch
französisch oder eine der vielen Sprachen
die zu hören waren in
Lagern Ghettos Zugwaggons.
Wir werden nicht so tun
als wären wir jene
wirklich wir
werden an sie erinnern, an
Kinder und Jugendliche
in Ghettos, in Konzentrationslagern
wir wollen von ihnen sprechen und
über sie und
uns auch
DOCH EINEN SCHMETTERLING HAB ICH HIER NICHT GESEHEN
Von Lilly Axster
Aufführungsrechte: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main
Premiere Freitag, 08. Mai 2015 im Deutsch-Luxemburgischen Schengen-Lyzeum, Perl
Weitere Termine: Do. 14.5 / Fr. 15.5. / Sa. 16.5. / So. 17.5. im überzwerg, Theater am Kästnerplatz, Saarbrücken
Freitag 19.6. im Lycée Ermesinde, L- 7590 Mersch
In Kooperation mit dem Mierscher Kulturhaus, Luxemburg
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Schirmherrschaft: |
Maggy Nagel, Ministerin für Kultur (Luxemburg) und Ulrich Commerçon, Minister des Saarlandes für Bildung und Kultur
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Regie und Ausstattung Regieassistenz Technik Koordination Ausstattung |
Bob Ziegenbalg Leon P. Post Thomas Braun, Philipp Neumann Stephanie Rolser |
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Spiel |
Jugendliche der überzwerg-Jugendclubs: Aimée Roembell, Alena Pelotte, Ariana Emminghaus, Franziska Blickle, Frederic Hubert, Hannah Wiegand, Isabelle Thier, Jennifer Götzinger, Julius Bachmann, Lilly Sophie Merziger, Linus Priester, Manou Schnabl, Michelle Spreier, Nicolas Oberhauser, Nils Kammerloch, Sophia Schreiber, Sophie Oettinger, Steve Yongwa
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Impressum:
überzwerg- Theater am Kästnerplatz
KÜNSTLERISCHER LEITER: Bob Ziegenbalg
GESCHÄFTSFÜHRER: Detlef Kraemer
REDAKTION UND DRAMATURGIE: Katharina Selbach, Christoph Dewes
LEITERIN DES KÜNSTLER. BETRIEBSBÜROS: Anna Schaefer
THEATERPÄDAGOGIN: Elke Kremer
DIE AUTORIN LILLY AXSTER:
geboren 1963 in Düsseldorf, lebt in Wien. Ein Stück über Kindheit im Ghetto,
für Kinder geschrieben, von Kindern zu spielen – das hatte es bis dato nicht gegeben: Lilly Axster war Ende zwanzig, als sie mit DOCH EINEN SCHMETTERLING HAB ICH HIER NICHT GESEHEN schlagartig bekannt wurde. Ihre mehr als ein Dutzend Theaterstücke für Kinder und Jugendliche stehen für die Vereinigung von Poesie und Problem. Daneben schreibt sie auch Stücke für Erwachsene. Lilly Axster war Regisseurin und Hausautorin am Wiener Theater der Jugend und leitet seit 1992 zusammen mit Corinne Eckenstein das Theater Foxfire.
GLOSSAR
Wenn ein Appell in einem Konzentrationslager oder Ghetto einberufen wurde, dann versammelten sich immer alle Häftlinge oder zumindest ein bestimmter Teil dieser auf dem sogenannten Appellplatz. Dort wurden dann verschiedene Ankündigungen gemacht,
die Anzahl der Inhaftierten überprüft oder Selektionen durchgeführt.
Das Krematorium/Die Krematorien waren Verbrennungsöfen, in denen Unmengen an Häftlingen ihr Leben lassen mussten.
Die Selektion war der Prozess, in dem die Häftlinge in zwei Gruppen aufgeteilt wurden. Leute, die nach rechts geschickt wurden, wurden unmittelbar nach der Selektion auf verschiedene Weisen hingerichtet, in der Regel durch Vergasung. Der Rest, welcher nach rechts gehen musste, war zunächst gerettet und überlebte somit vorläufig. Es gab keine klaren Richtlinien, von welchen das Überleben bzw. Sterben der Häftlinge abhing. Jedoch hatten kranke und abgemagerte Menschen sowie Kinder oftmals geringere Überlebenschancen, da sie zu schwach zum Arbeiten waren und somit keinerlei Nutzen für die SS darstellten.
Ein Ghetto ist ein abgegrenztes Wohngebiet, in dem eine bestimmte Bevölkerung lebt. Zur Zeit des Nationalsozialismus waren es Juden, die in diesen Gebieten isoliert wurden.
Konzentrationslager (auch KZ genannt/früher KL) waren Lager, in denen Juden und andere „Staatsfeinde“ missbraucht und getötet wurden. Man unterscheidet zwischen Vernichtungs- und Arbeitslagern sowie Sammellagern. Oft ist aber die Abgrenzung der verschiedenen Lager nicht ganz deutlich.
Die Vernichtungslager dienten der Durchführung des Holocausts, das ist die planmäßige industrielle Vernichtung der Juden (u.a. in Gaskammern). Das bekannteste Vernichtungslager ist das KZ Auschwitz- Birkenau.
Die Arbeitslager dienten genau wie die Vernichtungslager der Ausrottung der Juden. Der entscheidende Unterschied war jedoch, dass die Vernichtung durch Arbeit geschehen sollte. Das Motto war „Arbeit macht frei“. Die Nationalsozialisten nutzen die Häftlinge noch als billige Arbeitskräfte, indem sie sie zur Zwangsarbeit verpflichteten. Die Menschen, die zu schwach waren, um das vorgegebene Arbeitspensum zu bestreiten, wurden erschossen oder in Vernichtungslager deportiert. Oft war es jedoch auch der Fall, dass die Menschen schon durch die im KZ unmenschlichen Bedingungen (z.B. extreme Temperaturen, Unterernährung, Krankheit) zugrunde gingen.
Des Weiteren gab es sogenannte Sammel-, Durchgangs- oder Zwischenlager. Diese waren nur zur vorübergehenden Unterbringung, wie der Name eben schon sagt, eine Sammelstelle, ein Zwischenstopp, ein Durchgang. Viele Arbeitslager waren auch gleichzeitig solche Durchgangslager, denn von dort wurden die meisten Häftlinge weiter in Vernichtungslager wie Auschwitz gebracht.
ALLTAG IM KONZENTRATIONSLAGER UND GHETTO
Der alltägliche Ablauf unterschied sich natürlich ein wenig im Konzentrationslager und im Ghetto, aber die Grundstrukturen waren doch ähnlich. Untergebracht waren die Leute je nach Alter und Geschlecht in verschiedenen Baracken. Dort hatten sie nur wenig Platz (die Baracken waren in der Regel völlig überfüllt) und mussten auf Strohsäcken oder mehrstöckigen Pritschen liegen. Kinder, die nicht arbeiten mussten, hatten sich außerhalb der Essens- und Appellzeiten in ihren Zimmern bzw. Lagern aufzuhalten. Zum Essen gab es meistens nur eine dünne Brühe, was nicht annähernd für die Häftlinge ausreichte, um bei Kräften zu bleiben. Deshalb magerten sie alle drastisch ab. Morgens gab es einen Weckruf, der alle schon in frühen Morgenstunden dazu aufforderte, sich in den wenigen, gemeinsamen Waschräumen fertig zu machen. Wie auch im kompletten Rest des Lagers herrschte auch dort ein Mangel an Hygiene. Aus diesem Grund und auch wegen der schlechten Verfassung der Inhaftierten verbreiteten sich auch sehr schnell Epidemien, die zahlreiche Tote forderten. Die Häftlinge durften keine eigene Kleidung tragen, sondern bekamen extra Häftlingskleidung zugeteilt. Wurde diese zu klein oder ging kaputt, dann bekam man bestenfalls die Kleidung der Toten. Abends gegen acht oder neun Uhr war es verboten, die Baracken zu verlassen. Außer den normalen Baracken gab es noch ein Krankenhaus, in das auch häufig noch „gesunde“ Leute geschickt wurden, um medizinische Experimente mit ihnen durchzuführen. So wurden ihnen zum Beispiel Krankheiten wie Tuberkulose oder Gelbsucht injiziert. Zur Appellzeit wurden zum einen die Häftlinge gezählt und zum anderen fanden Selektionen statt. Bei diesen wurden die Inhaftierten entweder nach links oder nach rechts geschickt, wobei links den sofortigen Tod durch Vergasung oder ähnliches bedeutete und rechts das vorläufige Überleben. Die Vergasung und gezielte Tötung fand dabei in den Konzentrationslagern statt, während die Ghettos mehr als Sammellager und Stelle der Zwangsarbeit fungierten.
Die ganzen schrecklichen Erlebnisse und ihren Alltag verarbeiteten viele junge Leute mit Malen und Dichten. Trotz ihrer ausweglosen Situation gab es auch einige von ihnen, welche sehr wissbegierig blieben und Lerngruppen gründeten, die von inhaftierten Lehrern, Künstlern, Wissenschaftlern etc. geleitet wurden. Dies war eigentlich nicht gestattet, deshalb war es auch immer riskant, an den Treffen teilzunehmen.
Auch im Spielverhalten der Kinder spiegelte sich der Einfluss ihrer Umgebung wider. Anstatt Sandburgen zu bauen oder das populäre Rollenspiel Mutter-Vater-Kind zu spielen, bauten die Kinder damals Krematorien oder stellten Appellszenen nach.INTERVIEW MIT RENATE LASKER- HARPPRECHT
(aus: Die ZEIT vom 30. April 2014)
Fragt mich jetzt! Interview mit einer Überlebenden
Renate Lasker-Harpprecht war mit ihrer jüngeren Schwester Anita zusammen zunächst in Auschwitz und später im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Als Cellistin des Mädchenorchesters von Auschwitz hatte Anita das Glück, einige Privilegien zu genießen, was auch einen Großteil zum Überleben der beiden Frauen beitrug.
[…]
ZEIT: Gab es denn unter den Häftlingen eine Art Zusammenhalt? Oder war sich in Auschwitz jeder selbst der Nächste?
Lasker-Harpprecht: Jeder war sich selbst der Nächste, keine Frage. Aber in der Baracke, in der meine Schwester war, da gab es ein paar Mädchen, die sich zusammengetan haben. Das hat mir immer sehr imponiert […]
ZEIT: Haben denn die Jüdinnen in Ihrer Baracke ein bisschen zusammengehalten?
Lasker-Harpprecht: Nur wenn sich zwei angefreundet haben. Es geht auch nicht darum, wer zusammenhält, sondern wer sich am wenigsten oder am meisten hasst. Das ist ein großer Unterschied. […]
ZEIT: Mir ist bewusst, dass diese Frage geradezu pervers anmutet: Aber haben Sie in der Zeit im Lager irgendetwas gemacht, wofür Sie sich schämen?
Lasker-Harpprecht: Ja, Sie werden das als eine Lappalie betrachten, aber ich schäme mich heute noch dafür. Eines Tages hat mir jemand – ich weiß nicht mehr, wer das war – eine halbe Tafel Schokolade geschenkt. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, ich hatte so etwas seit Jahren nicht gesehen. Und ich habe mir gesagt: Jetzt gehe ich zu Anita, und wir teilen uns diese Schokolade. Auf dem Weg zu Anita habe ich aber die ganze Schokolade aufgegessen. Das ist das Einzige, wofür ich mich schäme.
[…]
ZEIT: Reichen Worte eigentlich aus, um das Grauen zu beschreiben, das Sie und so viele andere in Auschwitz erlitten haben? Manche, auch Überlebende, sagen, dass Sprache dazu nicht in der Lage sei.
Lasker-Harpprecht: Das stimmt.
ZEIT: Aber Sie können doch mit Ihren Erzählungen aufleben lassen, was in Auschwitz und in Belsen passiert ist!
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